Philipp-Hainhofer-Kolloquium 2026
Langeweile gilt zumeist als genuin modernes Phänomen, das erst durch die Vermarktung und Fragmentierung von Zeit im Zuge der Industrialisierung zu einem Begriff wurde. In einer essentialistischen Auffassung der Gefühlsgeschichte ließe sich jedoch davon ausgehen, dass Langeweile schon immer ein Teil menschlicher Empfindungen war. Forschende der Archäologie, Geschichte, Kunstgeschichte, Musik- und Theaterwissenschaften, Literaturwissenschaft, Philosophie und anderen Disziplinen sind eingeladen Beitragsvorschläge für einen interdisziplinären Austausch über das Tagungsthema einzureichen. Das Hainhofer-Kolloquium versteht sich schwerpunktmäßig als ein Forum des wissenschaftlichen Austauschs über Themen der Frühen Neuzeit, Vorschläge aus anderen Epochen sind ebenfalls als fruchtbare Ergänzung willkommen. Folgende Aspekte können dabei adressiert werden, sind aber keineswegs als thematische Beschränkung zu verstehen: • Langeweile als Emotion / Stimmung / Ausdruck Bitte schicken Sie Ihren Vorschlag (max. 2.000 Zeichen) zusammen mit einem CV (ggf. mit Angabe einschlägiger Publikationen) bis zum 30. September 2025 an: Hainhofer-Kolloquium-8@t-online.de Veranstaltet und finanziert vom DFG-Langfristvorhaben (HAB, Wolfenbüttel und Stiftung LEUCOREA, Lutherstadt Wittenberg) der kommentierten digitalen Edition von Philipp Hainhofers (1578–1647) Reise- und Sammlungsbeschreibungen (namentlich Prof. Dr. Dr. Andreas Tacke) und dem Institut für Europäische Kulturgeschichte (IEK) der Universität Augsburg (namentlich Prof. Dr. Günther Kronenbitter und Prof. Dr. Ulrich Niggemann) in Kooperation mit Dr. Lisa Hecht, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kunstgeschichtlichen Institut der Philipps-Universität Marburg.
Call for Papers
Langweilig! Subversive und transformative Ästhetiken des Nichtstuns
VIII. Philipp-Hainhofer-Kolloquium
Augsburg, 27. – 29. März 2026
Auch wenn sie sich nicht unbedingt direkt auf dem Spektrum von Gefühlen und Empfindungen verorten lässt und vielleicht sogar als „Erfahrung ohne Inhalt“ (Goodstein 2005) außerhalb dieser auftritt, stellt Langeweile ein Korrektiv dar zu tradierten Wahrnehmungen des Wichtigen und Interessanten. So erlaubt die Fokussierung auf Begriffsspektren der Langeweile in unterschiedlichen Sprachen und Kulturen der Frühen Neuzeit einen Perspektivwechsel hin zum vermeintlich Nebensächlichen, Profanen und Alltäglichen. Weiterhin birgt Langeweile sowohl im soziokulturellen als auch im ästhetischen Kontext eine gewisse Sprengkraft. Der Soziologe Barry Sandywell hat Langeweile 2017 als „subversive and transformative source of creative selfhood and communality“ beschrieben und damit eine positive Umkehr der eigentlich unerträglichen Anteile dieser Erfahrung formuliert. Der Langeweile ist stets auch ein kreatives Potenzial eigen, das Gefühle des Überdrusses und der vermeintlichen Perspektivlosigkeit in schöpferische Energie umwandelt, zugleich aber auch hegemoniale Strukturen etwa einer verbindlichen Hochkultur durch ein lautes Gähnen unterwandert.
In frühneuzeitlichen Diskursen tritt die Langeweile dennoch selten als genuine Eigenform auf, sondern ist häufig verknüpft mit nahen Verwandten und Vorfahren aus der Emotionsgeschichte. Eine Aufgabe der kulturhistorischen Auseinandersetzung mit dem Begriff ist es daher auch, Differenzierungen zu anderen zeitgenössischen Terminologien vorzunehmen. So wurde etwa die unbeschäftigte Muße während der Aufklärung als Mutter der Langeweile bezeichnet, zugleich warnte das Zedlersche Universallexikon davor, Langeweile und Müßiggang gleichzusetzen. Insbesondere die moralische Determination von Tätigkeit und Untätigkeit durchleuchtet auch die Verwandtschaftsbeziehungen zu Acedia und Melancholie. Fruchtbar erscheint es daher, Langeweile eben nicht als exklusiv moderne Erfahrung aufzufassen, sondern ihre Spuren in Artefakten und Quellen der Frühen Neuzeit zu suchen. Die mediale Vermittlung des sprachlich schwer fassbaren und ambiguen Phänomens soll daher auch im Zentrum des VIII. Philipp-Hainhofer-Kolloquiums stehen.
• Gelangweiltsein als Rezeptionshaltung
• Gelangweiltsein als kreatives Potenzial
• Langeweile als Distinktionsmittel und Alteritätsmarker (kulturelle Differenz; race – class – gender)
• Formale und stilistische Sichtbarkeit von Langeweile in Kunst, Literatur und Musik
• Individuelle vs. kollektive Langeweile
• Einfache vs. existentielle Langeweile
• Langeweile als Kritik und Subversion
Die Reise- und Übernachtungskosten werden für Vortragende (bei Tandem-Teams in der Regel nur für eine Person) vom Veranstalter übernommen. – Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch.
Doktorandinnen und Doktoranden sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Post-doc-Phase werden ausdrücklich zur Bewerbung ermutigt.
Die angenommenen Beiträge werden in einem von Andreas Tacke und Lisa Hecht herausgegebenen Sammelband in der Schriftenreihe Hainhoferiana beim Michael Imhof Verlag (Petersberg) im März 2027 gedruckt; verbindlicher Abgabetermin für alle Manuskripte wird der 5. Oktober 2026 sein.
Geplant ist, Vorschläge, die wir bei der Zusammenstellung des Programms aus Platzgründen nicht berücksichtigen können, bei der Publikation mit aufzunehmen.
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